#expose3 Künstler
Künstler
Kunsthistoriker M.A.
Kunsthistoriker M.A.
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Genesis der Kunst

Bewegender Moment (1)

Es dämmert bereits in ihrer vor langer Zeit vorgefundenen Felsspalte, als neun Mitglieder einer Sippe Homo sapiens mit verschränkten Beinen um das wohltuend knisternde Feuer am Ende des Tages Platz einnehmen. Sie sitzen auf sauber ausgebreiteten dunkelrot zerfransten und selten gewordenen Mammutfellen. Es ist das tägliche Ritual, nachdem sie gegessen und Essensreste weit weg von der Höhle vergraben haben, damit gefährliche Tiere wegbleiben. Heranziehende peitschende Regengeräusche vermischen sich mit den schwappend brandenden Wellen. An der unweiten Küste am karstigen und sonnigen Strand, haben sie heute Muscheln gesammelt. Männer, Frauen und Jugendliche mit erstem Flaum im Gesicht wirken von der täglichen Futtersuche wie ausgelaugt, aber zufrieden.

Aufgeregt fuchteln sie mit ihren Armen und Beinen und geben Laute von sich, indem sie grunzen oder schnalzen, murren, stöhnen, johlen oder gurren und sich so das Erlebte erzählen. Ihr Gebärdenspiel ist eindringlich. Einen riesigen Fisch hätten sie gesehen, der sogar Wasser in die Höhe gespien hat. Die Jüngeren sind am lautesten. Mit verzottelten, langen dunkelbraunen Haaren und von der Feuerwärme aufgelebten Gesichtern strahlen sie unstillbare Neugier und ansehnlichen Eindruck mit ihren schwarzbraunglänzenden Augen, dennoch steckt Müdigkeit in ihren Knochen. Sie glotzen nunmehr dankbar in die Rotglut und kommen allmählich zur Ruhe, während sich draußen ein Unwetter zusammenbraut.

Von einer Mondphase zur nächsten spüren sie den deutlichen Ernst der Lage. Die Nahrungssuche fällt immer kärglicher aus. Ihre Unwirtliche Gegend ist dem Untergang geweiht, Mammute zu jagen riskant, zumal ihre Gruppe kleiner geworden ist und sie tief in das Landesinnere gehen müssten. Den ganzen Tag überlegt der Schamane wie er seinen Stamm

ermuntern und ihre bevorstehende und ungewisse Reise verkünden soll. Flackernd rauchlos verbrennt lodernd das trockene Holz, dessen Flammen tänzelnde Schatten der Bewohner auf die raue Felswand werfen. Ab und zu hören sie den kalten pfeifenden Wind, der sich mit dem einsetzenden Regenprasseln vermischt. Bald werden sie sich aneinander zu einem großen Fellknäuel zusammen kuscheln, sich gegenseitig wärmen und schnarchend beim ausgelöschten Feuer ein „Monster“ den wilden Tieren vortäuschen, damit diese weiterziehen.

Den halben Tag lang hat der Heiler ein handgroßes flaches Gesteinsfragment mit mandelförmigem Faustkeil glatt gerieben und sich um das Feuer gekümmert. Er weiß, dass er seinem Klan damit ihren kommenden Aufbruch erklären wird und verspürt, dass dieser Moment ihnen allen eine Möglichkeit eröffnet, die sie kein zweites Mal wahrnehmen könnten. Sonst kommt ihre Gemeinschaft nicht durch den frostigen Winter. Nur wie? Seine Gedanken sind noch nicht klar genug, aber er muss über sich hinauswachsen.

Erwärmter steiniger Boden drängt sie inzwischen, vom wieder entfachten Feuer Abstand zu nehmen. Und während er sich für die Zeremonie der Magie vorbereitet, dadurch, dass er mit roter Ockerfarbe sein Gesicht und seinen schmalen Nasenrücken und um die Augen mit ‚weißer Farbe‘ anmalt - sie wird ihm helfen mit jenseitigen Ahnen in Kontakt zu treten - kommt ihm spontan eine Idee in den Sinn. Er nimmt neun kleine Holzstäbchen, für jeden Gefährten eins. Dann ergreift er sie mit beiden Händen, hebt diese hoch wie zum Gebet, reibt sie sachte aneinander und murmelt laut mit geschlossenen Augen nur ihm bekannte rätselhafte Beschwörungsformeln. Bizarr und geheimnisvoll widerhallen seine Beteuerungen von den felsigen Wänden. Flugs lässt er die Stäbchen klappernd auf den Boden fallen. Das sei euer Schicksal, scheinen Stimmen zu ihm zu raunen. Er öffnet seine Augen und sieht ein gerüstartig-unförmiges Runen ähnliches Gebilde.

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