#expose3 Künstler
Künstler
Kunsthistoriker M.A.
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Bei meinem Bestreben, Kunst zu vermitteln, allein im ZKM in Karlsruhe über 20 Jahre lang, werde ich täglich mit Fragen zur Kunst konfrontiert. Von der christlichen Kunst, über Altmeister und Moderne bis zur Medienkunst.

Auch als Künstler habe ich mich oft gefragt, was alle Ausdrucksarten (Stile) gemeinsam haben, was sie verbindet und was sie trennt.

Und auf einmal eines Tages werde ich auf einer Kunstmesse von einem Freund gefragt, in welchem Stil ein ausgestelltes Bild gemalt sei. Ich antwortete spontan wie erleuchtet: realistisch-abstrakt. Selbst verwundert, ergänzte ich jedoch die Antwort prosaisch: Die ganze Kunst ist von drei Komponenten geprägt – Realität, Abstraktion und Zufall.

„Wie das?“, meint der Freund etwas verwirrt. „Ist nicht ein Bild entweder realistisch oder abstrakt und was hat der Zufall damit zu tun?“

„Sieh es doch so, ein Gemälde ist dann realistisch gemalt, wenn es ausdrücklich die Wirklichkeit nachahmt. Beispiele finden sich bereits in den Höhlenmalereien. Es kann sogar idealistisch (Verklärung der Wirklichkeit) gemalt sein. Jede Künstlerin oder jeder Künstler konzentriert sich dabei auf das Wesentliche. Eine besondere Wirkung oder Stimmung soll hervorgerufen werden, also muss abstrahiert, auf etwas verzichtet werden. Sie oder er ist an diesem Tag guter oder depressiver Stimmung, blaue Farbe ist alle, ein Termin geht einem durch den Kopf, willkommene Störung durch den Besuch eines Kunstsammlers, Zahnschmerzen; das wäre der unerwartete Einfluss des Zufalls. Auf gewollten farb- und formaltechnischen Zufall kommen wir später. Statt realistisch-abstrakt könnte ich auch sagen: gegenständlich unwirklich“.

Darauf der Freund mit Stirnfalten: „Das musst du mir näher erklären“.

„Beispielsweise die Ausdrucksform Kubismus. Picasso (1881-1973) abstrahiert dabei das körperliche Gesicht seiner „Weinenden Frau, 1937 in strenger geometrischer Raumstruktur“.

„Es entsteht ein facettenartiger Bildaufbau. Im Mittelpunkt steht die

Leidensgeste, ausgedrückt durch das zerknüllte Taschentuch und ihrem kristallin verzerrten Gesicht. Ein unerwartet stachelartiges Augenpaar, wie zwei eingerollte Igel, verstärken ihren Schmerz. Das bunte Bild kontrastiert mit leichenartig vieleckiger Gesichtsfarbigkeit und dem Taschentuch. Persönliche Gesichtszüge sind nicht mehr vorhanden. Und dennoch ist der Betrachter ergriffen, von dieser gegenständlich unwirklich schluchzenden Frau“.

„Und wie ist das nun mit der abstrakten oder gegenstandslosen Malerei?“

„Vorneweg gesagt, diese kann noch gegenständliche Spuren oder Erinnerungen an Naturformen aufzeigen. Sie kann also Beziehung zur Realität erzählen. Daneben sind fließende Übergänge von realistisch-abstrakt zur ungegenständlichen Abstraktion möglich. Als Beispiel möchte ich Paul Klees (1879-1940) „Senecio“ (Baldgreis) von 1922 erläutern. Ein lichtdurchflutetes helles, flaches, sanft farbiges, Wärme ausstrahlendes und konstruktives Bild. Es zeigt witzig spielerisch ein gegenstandsloses vermeintlich wirkliches Gesicht. Wesentliche Kompositionselemente sind stark abstrahiert: Quadrat, Dreieck und Kreis. Klee hat sich sehr weit von der abbildenden Realität entfernt. Während Picasso ein herzzerreißendes Drama kubistisch darstellt, erscheint bei Klee ein erfundenes aus ebenen Formen komisch scheibenartiges Antlitz, aus dem lustig und neugierig ruhige Augen den Betrachter anschauen“.

„Gibt es eigentlich ausdrücklich gegenstandslose Bildwerke?“, fragt mein Freund.

„Ja, es ist die „Konkrete Kunst“, eine Bewegung, die aus dem Konstruktivismus hervorgegangen ist, und Abstrakter Expressionismus. Als Beispiel für „Konkrete Kunst“ wäre das Bild „Behauptend“, 1958 von Josef Albers (1888-1976) zu nennen. Ihr Charakter ist frei von jeder Grundlage in der beobachteten Realität und hat scheinbar keine symbolische Bedeutung. Sie beruht im Idealfall auf mathematisch-geometrischen Grundlagen. Im bedachten Spiel der Formen und Farben präsentiert sich das Bild selbst“.