#expose3 Künstler
Künstler
Kunsthistoriker M.A.
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Cimabue anerkennend:
„Das bewundere ich an dir. Du blickst hinter die gemalten Figuren, als ob sie durch und durch Menschen wären und nicht ein vorge-schriebenes Beiwerk. So malst du sogar.“

Gemeint ist die Bedeutung der Vorherrschaft „einer geistigen Ordnung der Bilder in bestimm-ten Sinnzusammenhängen - Ikonologie.“1 Das heißt, die religiösen Symbole und Allegorien hatten in der byzantinischen Kunst Vorrang vor dem rein künstlerischen Bedürfnis. Einförmige äußere Gestaltungen fokussieren die Gläubigen auf die christliche Ergebenheit. Cimabue hat als einer der ersten mit dieser Praxis gebrochen. Bereits sein überlebensgroßes Kruzifix, um 1265, in Tempera auf einer Holztafel gemalt, in der Christus in einer gespiegelten S-Krümmung dargestellt ist, folgt gotischer Darstellungswei-se.2 Es befindet sich in der Kirche San Dome-nico in Arezzo. Seine Abkehr von der byzantini-schen Verpflichtung spiegelt sich in einer emo-tional mitfühlenden und dem Humanismus ge-neigten Ausdrucksweise. Noch deuten die Phy-siognomie oder das Lendentuch auf Einflüsse byzantinischer Fertigkeit hin, geht aber mit der angedeuteten expressiven Verformbarkeit des Körpers über Diese deutlich hinaus. Und, der schmerzerfüllte Christus am Kreuz leidet still noch im Tod. Mit dieser Arbeit reifte wegwei-send die Aufhebung der Schranke zwischen Betrachter und Gottheit und Giotto verstand es daraus für sich, wie noch zu erläutern, eine neue Kunstwelt zu erschaffen. Ikonografie be-deutet Bildbeschreibung und Ikonologie Bilddeutung - Sinnzusammenhang.

Giotto nach einer kurzen Pause:
„Bei den Engeln habe ich Änderungen introdot-to. Alle Augen, auch die der Heiligen, blicken zur voluminösen Mutter Gottes, die so vertraut Respekt genießt und der zugewiesenen Rolle als Übermutter an Ansehen gewinnt. Die Engel stehen oder knien auf dem Boden. Vier davon sind im Profil dargestellt. Wie dir bekannt ist, unterscheidet sich diese Wiedergabe von der damals beliebten byzantinischen, die den bösen Menschen, Dieben und Mördern vorbe-halten war. Vorne halten sie Blumenvasen und die zwei nächsten Insignien, Krone und ‚Gottes Haus‘ in den Händen. Auch meine vier Heiligen habe ich in den Hintergrund „ausgesiedelt“. Deine vier Heiligen hingegen kauern unterhalb des Thrones und erweisen ihr so ihre Demut.“3 Der Künstler erzeugt gewissermaßen neue iko-nografische Merkmale bei der Aufführung der weiß und grün gekleideten Engel im Profil.

Cimabue fährt zustimmend fort:
„Mit dem Goldhintergrund huldigen wir dem Auf-traggeber, der damit nicht nur Eindruck machen will. Es ist das göttliche Licht des Goldes. Und so prunken unsere Gemälde im Überfluss dieser himmlischen Strahlung. Meine Maestà weist wenig Perspektive auf und thront wie in einer arkadischen Hochsitzfestung der Banco Medici.“

Giotto lächelt, bleibt aber sachlich lobend:
„Den Kopf deiner Madonna umgibt eine Corona, die mit dem Goldhintergrund ver-schmilzt. Lediglich eine feine kettengleiche Kreisform mit rot-blauen Punkten umschließt unauffällig ihr Haupt, fantastico!“

Und nach einer kurzen Pause, Giotto weiter:
„Bei mir kontrastiert der Madonnen-Kopf deut-lich mit dem Heiligenschein. Was schmucklos ebenso für die Aureole des Jesu Kindes zutrifft. Bei dir umrankt Jesu Kind die Aureole eines La-zarus-Kreuzes. Stimmt das?“

Cimabue etwas überrascht:
„Gut beobachtet, Giotto. Mit dem Lazarus-Kreuz soll einem Sterbenden die Verheißung auf die Auferstehung verdeutlicht werden. Maestà lenkt neigend ehrerbietig ihren Kopf zum Jesusknaben, der die rechte Hand seg-nend erhoben hält. Gekleidet in rot-braunem Gewand hält es in der Linken die Buchrolle. Wie du weißt, ist sie das Symbol der Macht. Dein Jesu Kind ist in einer langen roten Tunika gekleidet. Es hält die rechte Hand deutlicher vor der Brust Marias segnend erhoben. In der Linken hält es jene leicht entfaltete Buchrolle der Herrschaft.“

Beim Vergleichen geht es um Ähnlichkeiten und Unterschiede. Daraus ergibt sich eine Kernaus-sage.

Giotto:
„Deine schlanke Thronende (Madonna) ist in blau-rotem Umhangmantel gekleidet. Sanfte Gesichtszüge, eine leicht geschwungene Haltung wie auch die der Engel und ein flie-ßendweicher, üppiger Faltenwurf. Sie vermittelt zwischen Himmel und Erde. Bei den alten Griechen hat Europa die Verbindung zwischen Olymp und Diesseits symbolisiert. Rot steht für das Blutopfer Christi. Sie sitzt zudem auf einem halbovalen Kissen, das bordeauxrot, kariert und goldfarben gesäumt ist. Lieblich, sanft und fürsorglich schaut sie dabei den Betrachter mit ihrem, wie auch dem des Kindes und den Engeln goldfarbenen Gesicht an, mit dem alle ähnlich sind. Ihre Füße und die Schrägstellung des Throns deuten eine räumliche Aussicht an.

1 Geschichte der Kunst und der künstlerischen Techniken, Hrsg. Hans H. Hofstätter,
R. Löwit: Wiesbaden, 1967, S. 7f. Aby Warburg (1866-1929), dt. Kunsthistoriker
und Kulturwissenschaftler, führte die neue Methode, die Ikonographie bzw.
Ikonologie, in das Fach Kunstgeschichte 1892 ein.
2Weiche Gesichtszüge, eine geschwungene Haltung der Dargestellten und ein fließendweicher, üppiger Faltenwurf.
3Es sind die Propheten Jeremia, Abraham, David u. Jesaja.