#expose3 Künstler
Künstler
Kunsthistoriker M.A.
Kunsthistoriker M.A.
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Giottos Malerei mag bei professionellen Künst-lerInnen nur ein müdes Lächeln entlocken und selbst Hobbyisten verfügen heute über Techni-ken, die ihm wie Zauberei erschienen wären. Hierbei hätten ihn die bunten Reklame-, Verpa-ckungs- und Comicbilder in beträchtliches Staunen versetzt. Jene Leute könnten deshalb glauben, über Giottos Fresken zu stehen.12 Je-doch, spätestens beim Versuch ein Giottobild abzumalen, würde jenen ihr Scheitern bewusst. Hell-Dunkel-Farbgebung, Bildkraft der Figuren, körperhafte Raumwirkung, choreografischer Aufzug… Das alles lässt sich mühsam, wenn überhaupt, aneignen. Deren Imagination würde zur Illusion. Jedem Giottowerk haftet nicht nur seine Eigenheit an, die ihn einzigartig macht, es ist auch der humanistische Geist, der sich an den Interessen, den Werten und der Würde ins-besondere des einzelnen „modernen“ Men-schen orientiert. Etwas, das heute selbstver-ständlich erscheint und doch in der Wirklichkeit allzu leicht, durch verführerische Medien, uner-kannt bleiben kann. Vor seinen Bildern fühlen wir uns bezeugt in seine Lebenszeit versetzt. Vor seinen Bildern fühlen wir uns bezeugt in sein Dasein versetzt. Eine Magie, die Zeit und Raum verbindet.

Eine Ikone – Heiligenbild – ist wie ein Fenster zwischen Diesseits und Jenseits. Sie ist eine Abbildung der Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst. Deshalb wird sie nach einer Vorschrift heute noch zweidimensional gemalt. Sie er-scheint erhaben und transzendent. Ihre Heili-gen schauen auf den Betrachter von oben her-ab. Der Kirchenbesucher fühlt sich beobachtet und beachtet.

Die lobgepriesenen Heiligen auf einer Ikone als Tafelmalerei oder auf Fresken versprechen da-zu ein paradiesisches Leben nach dem Tod. Sie sind sozial organisierte Illusion. Durch ihre flä-chenhaft eindringliche Erscheinung vor einem goldenen Hintergrund wirken sie hypnotisch nachhaltig. Sie brennen sich gleichsam im Auge des Betrachters hinein. Er träumt nicht nur von ihnen, sondern er glaubt auch, sie durch Gebete anrufen zu können, um ihm in schwer-en Zeiten beizustehen. Dabei neigt erst in Krisenzeiten nur der existente Mensch ‚edel zu sein, hilfreich und gut‘.13 Mit anderen Worten gesagt: Die Bildmacht des christlichen Kult-bildes Ikone konnte sogar Kriege anfachen oder Frieden stiften.

Heutige Medien, wie Bilder, Sprache, Schrift und Akustik beeinflussen oft unmerklich unser Leben. Deshalb glaubt jeder von uns, ohne wei-teres die Wirklichkeit zu kennen, ohne zu mer-ken, wie erschöpft wir dadurch werden können. Bei der Kanalisierung unserer Energie, bei-spielsweise bei achtloser Benutzung von Streamingdiensten, Computerspielen und So-zialen Medien, fühlen wir uns oft hinterher wie ausgelaugt. Wir vergessen leicht, welche urei-gene Macht von ihnen ausgeht.

Obwohl wir bereits in frühen Jahren, noch vor der Kindergartenzeit, die Wirklichkeit abzubil-den versuchen. Naiv und mit viel Einfall zeich-nen, malen, gestalten, musizieren, singen und schreiben wir unsere ersten dinglichen Übung-en. Später im fortgeschrittenen Alter erinnern wir uns möglicherweise wieder an unsere ers-ten kreativen Schritte, die wir nun dem An-schein nach als Therapie oder Freizeitbe-schäftigung betreiben.14

Längst hat die sozial organisierte Illusion (Iko-nodulie) gegenüber insbesondere neuer Medi-en eingebüßt. Diese können inhuman verstör-end wirken. Nämlich, mit einem umgekehrten Effekt der „Bewusstseinskontrolle“ (Gehirnwä-scheeffekt) arbeitet die Werbung in den Medi-en, um ihre Kundschaft zu animieren, ihre Pro-dukte zu kaufen. Ihre Botschaft verspricht Ein-em Individualität – dabei geht es stets um ein Massenprodukt –, im Jetzt, in der Gegenwart ein beglücktes Lebensgefühl. Nächst werden das Selbstvertrauen und die eigene Urteilskraft der Zielperson durch eingelebte Reize, wie Bil-der, Sprache, Schrift und Akustik, angegriffen und mental derart umprogrammiert, dass so-nach ihre Wahrnehmung geschwächt und durch vermeintlich fortschrittlichen Lebensstil ersetzt wird.15

Im Supermarkt stehen wir vor einem Meer an Waren. Aus dem Off hören wir heimelige Mu-sik. Unsere Sinne sind durch Gerüche und opti-sche Reize wie betäubt. Trotz Einkaufszettel bewegen wir uns wie in Trance. Und dann grei-fen wir wie unbewusst zum viel gelobtem Pro-dukt jener beworbenen, letztlich unerwünsch-ten Marke und erleben durch dessen Besitz insistiertes Glücksgefühl. Körperliche oder men-tale Bilder, so Hans Belting16, stehen wie in ei-nem Rückkopplungsverfahren in einem stän-digen Austausch miteinander.17

Erneut hat Mr Sajber ein Déjà-vu:

12 Ernst H. Gombrich, Kunst und Illusion, Belser, Stuttg., 1977, S. 24
13Frei nach Johann Wolfgang von Goethe, in: Das Göttliche,
https://www.mumag.de/gedichte/goe_jw52.html, 21.04.22, dto.
14 Etwa 3 % der Erwachsenen sind kreativ u. leben davon.
15https://de.wikipedia.org/wiki/Gehirnw%C3%A4sche, 23.03.22, 10:05 Uhr
16Hans Belting (* 7. Juli 1935 in Andernach) ist ein dt. Kunsthistoriker u. Medientheoretiker
mit Schwerpunkt im Bereich der Bildwissenschaft, in der Moderne u. Medienkunst sowie
in der italienischen Kunst des Mittelalters u. der Renaissance.
17Christiane Kruse: Hans Beltings Werk Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine
Bildwissenschaft (2003), in: https://lehrerfortbildung-bw.de/u_mks/kunst/gym/bp2016/fb4/6_mat7-8/2_bild/, 08.04.22, 17:44 Uhr