#expose3 Künstler
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Kunsthistoriker M.A.
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Der Papst erregt: „Es gibt kein Paradies und neues Menschenbild auf Erden, als das, was Gott erschaffen hat! Ora et labora!“, „Amen!“

Petrarca erinnert an Dante Alighieri: „Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinder.“16

Von Hutten widerspricht dem Papst in seiner rebellisch leidenschaftlichen Art: „Was für ein Hirte deiner Gläubigen bist du, dass du die Menschen wie Unfreie betrachtest? Sie sind Geschöpfe Gottes und nicht dein Eigentum. Du lässt sogar eigene Glaubensbrüder verfolgen.“

Es droht ein Streit. Von Hutten hält seine Rechte am Knauf seines Schwertes. Jederzeit zum Kampf bereit. Er ist der erste Reichsritter und Vagabund, obwohl ihn sein Vater in ein Kloster schickte, wo er Mönch werden sollte, da er zu schmächtig war. An deutschen und italienischen Universitäten hat er Sprachen, Jura und Literatur studiert.

Petrarca bleibt aufmerksam, lenkt sich aber mit angenehmen Gedanken ab, indem er im Geiste ein neues Gedicht an seine angebetete Laura verfasst.

Erasmus ist verwundert über die Uneinsichtigkeit des Papstes, der die generelle Bedeutung der Neuen Zeit zurückweist.

Ruhig und überlegt setzt Petrarca nach kurzer Pause die Unterhaltung fort: „Meine Beschäftigung mit der Geschichte lehrt mich, antike ehrwürdige Beispiele auf die Gegenwart anzuwenden mit heutigen Erkenntnissen. Diese ermuntern uns Gelehrte für unser Handeln. Dabei interessiert mich nicht, unter welchen Umständen ein Ereignis damals stattfand, sondern dessen schriftliches Zeugnis selbst. Wir als Menschen mit freiem Willen stehen als Geschöpfe Gottes im Mittelpunkt des Weltgeschehens. Im Gegensatz zu Ihrem, Eure Heiligkeit, mittelalterlichen Weltbild, in dem Gott als Weltenlenker fest verankert ist.“

Dieser Perspektivenwechsel Petrarcas bedeutet die Wende der Geschichtsschreibung im Besonderen.

Petrarca: „Bereits Protagoras stellte fest: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, …“17

Der Papst, kreidebleich, wirkt wie eine mittelalterliche Figur aus Thassos Marmor. Noch nie hat ihm jemand mit solchen Worten seine Weltvorstellung bloßgestellt.

Erasmus spricht: „Denn die Wahrheit besitzt eine natürliche Macht, zu ergötzen, wenn ihr alles Verletzende fehlt.“ 18

Der Papst hat sich wieder gefangen und lenkt erneut ab: „Die Osmanen sind auf dem Vormarsch, Byzanz ist in großer Gefahr. Menschen fliehen zu uns. An Philosophie, Kunst und Kultur und schon gar nicht an Wissenschaft ist jetzt, zu denken. Es fehlt gerade noch, dass ein Forscher sagt, die Erde sei rund und die Sonne sei der Mittelpunkt des Universums.“

Wieder ist es von Hutten, der knackig antwortet: „Hoc venit“ (lat. für „Das kommt noch“). „Die Zeiten der Entdeckungen sind nicht aufzuhalten (bes. zw. 1415 und 1531).“

Erasmus entgegnet Papst: „Ich glaube, die Christen müßten statt jener schwerfälligen Soldateska,19 deren sie sich schon lange ohne Erfolg bedienen, die wortreichen Scotisten20, die starrköpfigen Occamisten,21 die unbesiegbaren Albertisten22 und überhaupt die ganze Streitmachder Sophisten23 gegen Türken und Sarazenen24 ins Feld schicken.“

Der Papst erwidert sofort: „Die Welt ist ein Chaos, nur ich vermag sie so zu gestalten, wie sie gottgewollt ist.“

16Dante Alighieri (1265–1321), war ein Dichter und Philosoph italienischer Sprache.
Er überwand mit der Göttlichen Komödie das bis dahin dominierende Latein und
führte das Italienische zu einer Literatursprache. In:
Dante Alighieri - Zitate - Gute Zitate, 29.01.22, 9:38 Uhr
17 Protagoras (um 490 v. Chr. - um 411 v. Chr.) war ein antiker griechischer Philosoph.
Er zählt zu den bedeutendsten Sophisten. Seine Schriften sind nicht erhalten. In:
https://de.wikipedia.org/wiki/Protagoras, 24.01.22, 9:33 Uhr
18http://www.welcker-online.de/Texte/Erasmus/torheit.pdf, 20.01.22, 11:49 Uhr
19Zuchtloser Soldatenhaufen
20Als Scotismus bezeichnet man die phil. Lehren des Franziskaners Johannes Duns
Scotus, der zur Blütezeit der Scholastik im 13. und 14. Jh. u. a. die Lehren des
Aristoteles, des Augustinus von Hippo und der Franziskaner auf feinsinnige Art
miteinander verband: https://mittelalter.fandom.com/de/wiki/Scotismus
21Anhänger der phil. und theo. Lehre, die von Wilhelm von Ockham (1285–1347)
und seinen Schülern entwickelt wurde und im 14. Jahrhundert weit verbreitet war.
22Anhänger von Albertus Magnus (1200–1280), der die Philosophie des Aristoteles
an die christliche Theologie anpasste
23Wanderlehrer
24 Bezeichnung für den Araber, Mohammedaner im Mittelalter
25http://www.welcker-online.de/Texte/Erasmus/torheit.pdf, 20.01.22, 16:58 Uhr