#expose3 Künstler
Künstler
Kunsthistoriker M.A.
Kunsthistoriker M.A.
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Ihre kopfnahe Frisur, unter der sich eine schafwolllockige Langhaarfrisur befindet, ohne Haube, signalisiert, dass sie noch Single ist. Allein ein zweifach geflochtener Haarkranz, der rechts über der Schläfe mit Haarschleife in Form einer blauen Blume endet, ziert den blonden Schopf.

Unser Besucher aus der Zukunft hält inne, um zur beschaulichen Ruhe zu kommen. Ein Gedicht kommt ihm in den Sinn:



Leise zieht durch mein Gemüt7

Leise zieht durch mein Gemüt Liebliches Geläute -
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen,
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich lass sie grüßen.


Ihr blonder Haarschmuck harmoniert mit ihrem karmesinroten, kurzärmeligen Reitjäckchen über eine ebenso reich gestickte Weste. Sie trägt kein übliches Korsett, da sie von Natur aus noch schlank ist. Weites Kleid mit Spitzenbesatz und Stickereien schmücken ebenso den purpurfarbenen schweren goldenen Damast. Fingerlose, vornehme, rosafarbene Handschuhe aus weichem Lammleder bedecken schmale Unterarme, schützen ihre grazilen Hände und spenden an diesem jungen und denkwürdigen Vormittag behagliche Wärme. Bequem sitzend in ihrer Karosse, führt sie mit sicherer Hand sensible und temperamentvolle Pferde über noch taufrischen Wald- und Wiesenweg zu ihrem Vater, der heute ihren Geburtstag feiert. Und dieser hat eine angenehme Überraschung für sie. Sie dagegen hat für ihn eine unverhoffte. Das aber, ist eine andere Geschichte.8

Links nun erblickt unser wesenloser Mr Sajber in der Ferne einen sich anstrengenden, großwüchsigen Bauer mit seinem Arbeitspferd, Schleswiger Kaltblut sein Feld pflügen. Dahinter geht ein kleiner Junge, sein Sohn, und sät die Samen aus. Zwei erwachsene Söhne hat der Landwirt im letzten Krieg verloren.

Unser Besucher transformiert seinen Geist näher heran und ist erschüttert von der Mühsal, einen massiven Eisenpflug an zwei Griffen zu halten und mit aller Kraft „im Schweiße seines Angesichts“9drückend das Zugpferd gleichzeitig mit kurzer Lederpeitsche zu führen. Mit jenem Bibelzitat verflucht Gott Adam nach dem „Sündenfall“. Danach gibt es kein Paradies mehr und er muss für seinen Lebensunterhalt arbeiten. Aus einer Sicht des 21. Jh.s gehört der „Sündenfall“ zu einem der mächtigsten Mythen der Menschheit. Er sei für die Menschen ein Akt der Emanzipation, teuer erkauft durch den Verlust des Paradieses, durch schmerzhafte Schwangerschaften und Geburten, die Herrschaft des Mannes über die Frau, mühsame Arbeit auf den Äckern und karge Ernten, schließlich den Tod. Sie handeln sich alle Übel der Welt ein.10

Der „Sündenfall“ steht auch als Parabel für Krieg und Verbrechen an der Menschlichkeit. Gott sprach: „Lasset uns Menschen machen in unserem Bilde.“11Was ist das für ein böser und verantwortungsloser Gott? Mit „uns“ wird gedeutet: Engel, Hoheit und Majestät oder die Mehrzahl der göttlichen Fülle. Wie kann sich der freie Wille des Menschen entfalten? Wenn es im „Vater unser“ heißt: „… dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“ Ist das nicht ein offensichtlicher Widerspruch?

Diese Überlegungen gehen dem Reisenden durch den Kopf, als er auf der einen Seite die Siegersoldaten bei ihrer kleinen feierlichen Begleit-Parade soeben gesehen hat und auf der anderen Seite wie biblische Plage erleidend einen Verlierer im ungerechtfertigten Büßen durch schwerste Arbeit. Noch tief bis ins 21. Jh. müssen viele Menschen viel Arbeit leisten, um zu leben, damit Wenige sich großen Luxus gönnen können

Der bisherige Eindruck hat ihn sehr aufgewühlt. Ist dies das bestimmende Gefühl, das die Kunstepoche der Romantik ausmacht? Noch lange nicht, stellt er wissend fest.

71830/31. Heinrich Heine: https://www.gedichte.ws/, 21.12.21, 11:21 Uhr
8 Nämlich: Ihr Vater schenkt ihr zum Geburtstag ein deutsches Reitpferd,
sie ist 25 Jahre alt und möchte ihrem Vater ihren künftigen Bräutigam
vorstellen, der bald eintreffen wird.
9Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du
wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und
sollst zu Erde werden.“ In: 1. Mose 3,19 aus der Bibel Martin Luther 1912.
10https://chrismon.evangelisch.de/, 19.12.21, 15:51 Uhr
11https://www.evangeliums.net/, 20.12.21, 16:02 Uhr